Förderverein Finower Wasserturm und sein Umfeld e.V.
Der Verein für die Geschichte des Messingwerkes.

Judentum in der Messingwerksiedlung


Die Familie Hirsch war jüdisch – orthodox und die meisten Angestellten kamen aus religiösen Häusern. Gustav Hirsch hatte von Halberstadt den deutschen Minjan nach Messingwerk gebracht, ein beachtlicher Vorgang, wenn man bedenkt, dass im weiten Umkreis von Messingwerk polnischer Minjan herrschte. Deshalb ließ Gustav Hirsch eine Schul einrichten. Als Schul bezeichnet man oft die Synagoge, weil in diesen nicht nur gebetet, sondern vor allem auch gelernt wird. Als Vorbeter war seit 1870 Herr Pulvermann tätig. An den hohen Feiertagen sprach jedoch G. Hirsch selbst. Nach dem Tode Pulver- manns 1888 ruhte auch der Gottesdienst am Sabbat und Neumond in den Händen G. Hirschs.

Bevor aber Gustav Hirsch nach Messingwerk übersiedelte, gründete er zusammen mit seinem Schwager und zugleich Schwiegervater Esriel Hildesheimer die Reformgemeinde Adass Jisroel in Berlin. Am 9. September 1885 waren der Adass Jisroel vom preußischen König die Rechte einer Synagogen – Gemeinde und somit der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen worden. Die Synagoge befand sich in der Artillerie Straße heutige Tucholsky Straße. In der Wittlicher Straße in Berlin – Weißensee kaufte Gustav Hirsch Land für den Gemeindefriedhof. Dort befinden sich auch die Gräber von Gustav und Lea Hirsch. Unterstützt von den Nachfahren ehemaliger Gemeindemitglieder, konnte der Friedhof nach 1990 wieder zugänglich gemacht werden. Es wurde auch eine neue Leichen- halle gebaut. 

Zur jüdischen Gemeinde Messingwerk gehörten die Fam. G. Hirsch, Fam. Calvary, Fam. Rosenblüth, Fam. Jeidel und Adolf Hirsch. Noch ohne Familie waren der spätere Firmenchef Aron Hirsch, Moses Hildesheimer, Wiener, Löwenberg, Katzenstein, Schwab, Spangenthal, Rothenberg und noch einige andere. Die angegebenen Familien und jungen Leute waren die Bewohner des sogen. großen Hauses, das alte königliche Hütten Amt.

 

Richard Lichtheim: „Ein Besuch bei Rosenblüths in Messingwerk“.

Fam. Rosenblüth wohnte in dem 2 Stockwerke großem Fachwerkhaus. Ich übernachtete mit Felix und Martin Rosenblüth auf dem Dachboden. Wir standen früh auf und gingen eine Etage tiefer. Wir betraten einen großen Raum mit Schulbänken und Tischen. Davor war eine Erhöhung mit einem Schreibtisch, an der Wand ein Schrein. Ich habe begriffen, dass ich mich in einer Synagoge befand. Martin und Felix zogen Streifen aus einem Samtbeutelchen und wickelten diese um ihre Arme. Das waren Teffilins, magische Streifen die zum Morgen- gebet angelegt wurden. Vater Rosenblüth war beschäftigt mit dem Thora-Schrein und einige Angestellte der Firma waren auch präsent. In einem Raum war ein alter Kamin in einem Sabbat-Ofen umgewandelt worden. In diesem wurden die Mahlzeiten für den Sabbat warm gehalten. Ein Raum war für die jüdischen Lehrer, um allen Kindern die Thora und Gebete beizubringen. Die Jungs mussten auch Gemara lernen.

Felix Rosenblüth war Zionist. Er wurde Mitglied im ersten Kabinett in Israel und später Justizminister. Sein hebräischer Name war Pinchas Rosen.

 

1911 zog die Fam. Rosenblüth nach Berlin. Esther Calvary folgte 1912 ihrer Tochter nach Breslau. Mit dem Abschied der letzten um G. Hirsch tätigen jüdischen Familien vom Messingwerk, nahm eine bestimmte Kulturperiode ein Ende.

1917 – 1924/25 organisierte der junge Siegmund Hirsch, unter der Leitung von S. Dyck und S. Weinberg ein Zentrum für Hachschara. Die jungen Chaluzim (Pioniere) wurden als Landwirte und Gärtner ausgebildet. Es waren überwiegend Ostjuden, aber auch Blau – Weiße (Westjuden) waren darunter. So spielte Messingwerk wieder eine bestimmte Rolle in der Zionistischen Bewegung.

Mit Aron und Siegmund Hirsch kamen auch neue jüdische Angestellte mit ihren Familien nach Messingwerk. Es waren darunter I. Mannheimer, G. Levy, M. Löwenstein, M. Tama, S. Dyck, S. Weinberg, M. Danziger, Adolf Hirsch, Leo Rosenfeld, Ludwig Vogelstein, David Karpfen, Margot Goldschmidt, Klopfer und Isidor Levin. I. Levin war Leiter vom Einkauf und bewohnte ein Kupferhaus.

Viktor Bach, im Handelshaus in Halberstadt seit 1912 tätig, geht 1927 nach Berlin.                                                

Der Reorganisations–Vorschlag für die Hirsch, Kupfer – und Messingwerke A.G. ist am 15. Juni 1932 von den stellv. Mitgliedern des Vorstandes Viktor Bach, Adolf Schulte, Benno Segall und Eugen Wallach unterzeichnet. V. Bach wird Generaldirektor von Hirsch- Kupfer und kommt fast täglich in Begleitung eines Herrn Samta von Berlin nach Messingwerk – Neuwerk.

Er war einer der führenden Zionisten in Deutschland. V. Bach emigriert mit seiner Familie 2 Wochen vor der Kristallnacht 1938 nach Holland und betreibt von dort Handel mit Kupfer für Messingwerk, in der Firma „Infinas“. Kurz vor der Invasion durch die Wehrmacht flüchtet V. Bach mit seiner Familie nach Palästina. In Israel übernimmt V. Bach eine aktive Rolle im Wirtschaftsleben des Staates. Sein Sohn Gabriel Bach fungierte von 1961 – 1962, unter Justizminister Pinchas Rosen (Felix Rosenblüth), als einer der Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann, wurde danach der Generalstaatsanwalt von Israel und später Richter am obersten Gericht von Israel.

Mit dem Niedergang des Hirsch – Konzerns während der Weltwirtschaftskrise, verließen die meisten jüdischen Angestellten Messingwerk. Ende 1929 wird der Lohnbuchhalter David Karpfen von Siegfried Hirsch, Berlin beauftragt, die Synagoge in Messingwerk aufzulösen. Die Einrichtungsgegenstände und Ritualien sind mit Einverständnis von Siegfried Hirsch im Februar 1930 der Synagoge Eberswalde zur Verfügung gestellt worden.

Im Dezember 1932 emigrierten Siegmund Hirsch und seine Frau Luise nach England.

 Erhalten geblieben sind Symbole des Judentums im Fries an der Hirsch – Villa, in der Sukka (Laubhütte), im Mosaik und in der Bleiverglasung des Neuen Hütten Amtes (Torbogenhaus).

Bei einem Rundgang bzw. einer Führung durch die Messingwerksiedlung können Sie diese Dinge im Original bewundern.


Bitte besuchen Sie diese Seite bald wieder. Vielen Dank für ihr Interesse!