Das Judentum in Messingwerk  (erschienen im Eberswalder Jahrbuch 2001/2002)

Die Familie Hirsch war jüdisch – orthodox und die meisten Angestellten kamen aus religiösen Häusern. Gustav Hirsch (1822-1898) hatte von Halberstadt den deutschen Minjan nach Messingwerk gebracht, ein beachtlicher Vorgang, wenn man bedenkt, dass im weiten Umkreis von Messingwerk polnischer Minjan herrschte. Deshalb ließ Gustav Hirsch eine Schul einrichten. Als Schul bezeichnet man oft die Synagoge, weil in diesen nicht nur gebetet, sondern vor allem auch gelernt wird. Als Vorbeter war seit 1870 Herr Pulvermann tätig. An den hohen Feiertagen sprach jedoch G. Hirsch selbst. Nach dem Tode Pulvermanns 1888 ruhte auch der Gottesdienst am Sabbat und Neumond in den Händen G. Hirschs.
Bevor aber Gustav Hirsch nach Messingwerk übersiedelte, gründete Er zusammen mit seinem Schwager und zugleich Schwiegervater Esriel Hildesheimer die Reformgemeinde Adass Jisroel in Berlin.  Am 9. September 1885 waren der Adass Jisroel vom preußischen König die Rechte einer Synagogen – Gemeinde und somit der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen worden. Die Synagoge befand sich in der Artillerie Straße heutige Tucholsky Straße. In der Wittlicher Straße in Berlin – Weißensee kaufte Gustav Hirsch Land für den Gemeindefriedhof. Dort befinden sich auch die Gräber von Gustav und Lea Hirsch. Unterstützt von den Nachfahren ehemaliger Gemeindemitglieder, konnte der Friedhof nach 1990 wieder zugänglich gemacht werden. Es wurde auch eine neue Leichenhalle gebaut.
 
Zur jüdischen Gemeinde Messingwerk gehörten die Fam. G. Hirsch, Fam. Calvary, Fam. Rosenblüth, Fam. Jeidel und Adolf Hirsch. Noch ohne Familie waren der spätere Firmenchef Aron Hirsch, Moses Hildesheimer, Wiener, Löwenberg, Katzenstein, Schwab, Spangenthal, Rothenberg und noch einige andere. Die angegebenen Familien und jungen Leute waren die Bewohner des sogen. großen Hauses, das alte königliche Hütten Amt.

Richard Lichtheim: „Ein Besuch bei Rosenblüths in Messingwerk“.
Fam. Rosenblüth wohnte in dem 2 Stockwerke großem Fachwerkhaus. Ich übernachtete mit Felix und Martin Rosenblüth auf dem Dachboden. Wir standen früh auf und gingen eine Etage tiefer. Wir betraten einen großen Raum mit Schulbänken und Tischen. Davor war eine Erhöhung mit einem Schreibtisch, an der Wand ein Schrein. Ich habe begriffen, dass ich mich in einer Synagoge befand. Martin und Felix zogen Streifen aus einem Samtbeutelchen und wickelten diese um ihre Arme. Das waren Teffilins, magische Streifen die zum  Morgengebet angelegt wurden. Vater Rosenblüth war beschäftigt mit dem Thora-Schrein und einige Angestellte der Firma waren auch präsent. In einem Raum war ein alter Kamin in einem Sabbat-Ofen umgewandelt worden. In diesem wurden die Mahlzeiten für den Sabbat warm gehalten. Ein Raum war für die jüdischen Lehrer, um allen Kindern die Thora und Gebete beizubringen. Die Jungs mussten auch Gemara lernen.

Felix Rosenblüth war Zionist. Er wurde Mitglied im ersten Kabinett in Israel und später Justizminister. Sein hebräischer Name war Pinchas Rosen. 1911 zog die Fam. Rosenblüth nach Berlin. Esther Calvary folgte 1912 ihrer Tochter nach Breslau. Mit dem Abschied der letzten um Gustav Hirsch tätigen jüdischen Familien von Messingwerk, nahm eine bestimmte Kulturperiode ein Ende.
1917 – 1924/25 organisierte der junge Siegmund Hirsch, unter der Leitung von S. Dyck und S. Weinberg ein Zentrum für Hachschara. Die jungen Chaluzim (Pioniere) wurden als Landwirte und Gärtner ausgebildet. Es waren überwiegend Ostjuden, aber auch Blau – Weiße (Westjuden) waren darunter. So spielte Messingwerk wieder eine bestimmte Rolle in der Zionistischen Bewegung.
Mit Aron und Siegmund Hirsch kamen auch neue jüdische Angestellte mit ihren Familien nach Messingwerk. Es waren darunter I. Mannheimer, G. Levy, M. Löwenstein, M. Tama, S. Dyck, S. Weinberg, M. Danziger, Adolf Hirsch, Leo Rosenfeld, Ludwig Vogelstein, David Karpfen, Margot Goldschmidt, Klopfer und Isidor Levin. I. Levin war Leiter vom Einkauf und bewohnte ein Kupferhaus.
Viktor Bach, im Handelshaus in Halberstadt seit 1912 tätig, geht 1927 nach Berlin. Der Reorganisation – Vorschlag für die Hirsch, Kupfer – und Messingwerke A.G.  ist am 15. Juni 1932 von den stellv. Mitgliedern des Vorstandes Viktor Bach, Adolf Schulte, Benno Segall und Eugen Wallach unterzeichnet. V. Bach wird Generaldirektor von Hirsch- Kupfer und kommt fast täglich in Begleitung eines Herrn Samta von Berlin nach Messingwerk – Neuwerk.
Er war einer der führenden Zionisten in Deutschland. V. Bach emigriert mit seiner Familie 2 Wochen vor der Kristallnacht 1938 nach Holland und betreibt von dort  Handel mit Kupfer für Messingwerk, in der Firma „Infinas“. Kurz vor der Invasion durch die Wehrmacht flüchtet V. Bach mit seiner Familie nach Palästina. In Israel übernimmt V. Bach eine aktive Rolle im Wirtschaftsleben des Staates. Sein Sohn Gabriel Bach fungierte von 1961 – 1962, unter Justizminister Penchas Rosen (Felix Rosenblüth), als einer der Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann, wurde danach der Generalstaatsanwalt von Israel und später Richter am obersten Gericht von Israel.
Mit dem Niedergang des Hirsch – Konzerns während der Weltwirtschaftskrise, verließen die meisten jüdischen Angestellten Messingwerk. Ende 1929 wird der Lohnbuchhalter David Karpfen von Siegfried Hirsch, Berlin beauftragt, die Synagoge in Messingwerk aufzulösen. Die Einrichtungsgegenstände und Ritualien sind mit Einverständnis von Siegfried Hirsch im Februar 1930 der Synagoge Eberswalde zur Verfügung gestellt worden.
Im Dezember 1932 emigriert Siegmund Hirsch und seine Frau Luise nach England.
Erhalten geblieben sind Symbole des Judentums im Fries an der Hirsch – Villa, In der Sukka (Laubhütte), im Mosaik und in der Bleiverglasung des Neuen Hütten Amtes (Torbogenhaus).

Villa Hirsch

Der Wunsch der Fabrikantenfamilie Hirsch bestand darin, ein älteres Wohnhaus in eine repräsentative Villa umzugestalten. Die Mauern des 1886 von Gustav Hirsch erbauten Vorgängerbaues sollten dabei mit einbezogen werden. Der Umbau begann  im Januar 1916 und wurde noch im gleichen Jahr abgeschlossen.
Mebes entwarf einen Umbau, den er der Umgebung anpasste und ihn trotzdem noch zu etwas Besonderem erhob. Stilistische Veränderungen und die Vergrößerung der Wohnfläche verliehen der Villa ein herrschaftliches aussehen.
Das ehemalige Spritzenhaus wurde zum angebauten Eingangsbereich umfunktioniert und erhielt zusätzlich eine Vorhalle, die auf vier korinthisierenden polygonalen Holzsäulen ruht.
Früchte Israels auch an den Holzsäulen.
 
Wird ein Heim gegründet und zieht man in es ein , wird es geweiht. Am Pfosten der Eingangstür und an allen anderen Türpfosten, die in einen Wohnraum führen, werden die heiligen Zeichen, die Mesua, angebracht. Die jüdische Stimmung wird mit einer frommen, festlichen Zusammenkunft ins Haus gebracht.
Die jüdische Hausfrau hat es immer verstanden, sich in ihrem häuslichen Tempel wie eine Priesterin zu fühlen. Sie schuf die geweihte Stimmung im jüdischen Heim, das für das jüdische Familienleben und zugleich für das Judentum, wie es überliefert wurde, zur unantastbaren Hochburg wurde.
Der Tisch: Ein Altar. Das Haus: Ein Tempel.
Noch bis zum heutigen Tag erkennt man an den unterschiedlichen Fliesen die Teilung der Küche in den Fleisch- und in den Milchbereich.

Das Fries an der Villa Hirsch

Der Urahn und Firmengründer Aron Gumprecht nannte sich Hirsch. Der Hirsch steht im Judentum für Schnelligkeit und Beredsamkeit. Die Familie Hirsch gehört den Stamm der Leviten an. Die Leviten sind die Angehörigen des Stammes Levi, welche die Priester bei ihren kultischen Funktionen im Heiligen Tempel in Jerusalem unterstützen. Obwohl der Tempel seit dem Jahre 70 u. Z. nicht mehr besteht, wurde die Zugehörigkeit zum Stamme der Leviten, vom Vater auf den Sohn stetig weiter vererbt. Bis heute leiten sich aus dieser Familientradition gewisse gottesdienstliche Rechte ab, z.B., dass Sie bevorzugt zur Thoralesung aufgerufen werden, oder den Priestern vor dem Priestersegen die Hände waschen. Daher leitet sich auch das Zeichen der Levitenkanne ab. Manchmal werden auch Krug und Schüssel dargestellt.
In dem Fries sind also Vater Aron (links) und Sohn Siegmund (rechts) in Anlehnung an ihren Namen als Hirsche dargestellt. Die Levitenkanne, Zeichen des Stammes Levi, befindet sich in der Mitte.
Am rechten Außenrand steht ein Korb mit den Blüten der Früchte Israels: Trauben Granatäpfel, Feigen, Oliven und Datteln. Auf der linken Seite ist das Füllhorn dargestellt. Ranken mit verschiedenen Motiven aus Israels Pflanzenwelt verbinden die Symbole.
Das Relief modellierte 1916 Franz Blaczek in Förderstädter Kalk. 
 

Die Synagoge in Messingwerk

Die Synagoge ist für das Judentum das Haus der Zusammenkunft, das Bethaus, Mittelpunkt und Schule des jüdischen Lebens. Die Schule Gottes.
Die für den Umbau des Wohnhauses, von Gustav Hirsch zur Villa für Siegmund Hirsch, notwendigen Zeichnungen von 1916 zeigen im Grundriss des 1. Stockwerkes auch die angrenzenden Räume des alten Hütten - Amtes. Ein Raum zur Straße gelegen, ist als Betsaal ausgewiesen. Die Lage des Raumes entspricht den Gegebenheiten einer Synagoge. Die Eingangstür zum Betsaal befindet sich in der Westwand, gegenüber der Thoraschrein (Schrank zur Aufbewahrung der Thorarolle), also an der Ostwand.
Da es sich in Messingwerk um eine kleine jüdische Gemeinde handelte, war es nicht ungewöhnlich die Synagoge in einem großen Haus zu integrieren. Im 1. Stock deshalb, um Gott näher zu sein. Das Oberlicht befindet sich im Treppenflur. Im Erdgeschoss befand sich eine Durchgangstür von der Villa zum Hütten - Amt.

Die Laubhütte (Sukka)

Das Laubhüttenfest (Sukkot) wird gefeiert, nachdem die Ernte eingefahren ist. Vom  15. – 21. Tischri, 7 Tage lang.
Meistens wird mit dem Aufstellen und Einrichten der Hütte schon vor dem Versöhnungstag begonnen. Gelegentlich findet die Hütte auch auf dem Balkon Platz, die Türen bleiben einfach nach draußen offen, an der Rückseite wird eine dritte Wand eingebaut, und das ganze krönt ein Dach. Dieses Dach ist das wichtigste an der ganzen Hütte. Es wird mit Material gedeckt, das in der Natur vorkommt: Zweige, Stroh, Heu oder auch  Schilfrohr. Wegen häufiger Regenfälle in den europäischen Ländern wurde, wie in Messingwerk, ein aufklappbares Blechdach aufgebaut. Die Seilrollen befanden sich an einem Holzbalken über der Hütte. Bemerkenswert ist die Malerei am Gesims im innern der Hütte. Hier hat der Davidstern mit dem Auge Gottes, alle politischen Verwerfungen in Deutschland, überdauert.
Die Laubhütte befand sich in Messingwerk auf dem Balkon des 1. Stockes, auf der Hofseite des alten Hütten - Amtes.
Die Restaurierung der Laubhütte ist ein Gemeinschaftsprojekt zwischen der Wohnungs- und Hausverwaltungs GmbH (WHG) und dem Förderverein Finwer Wasserturm und sein Umfeld e. V.
Mit Mitteln der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Barnim, der WHG, des Fördervereins und der freundlichen Unterstützung des Förderkreises Alte Kirchen Berlin- Brandenburg e. V. konnte im Jahr 2008 die Restaurierung der Laubhütte realisiert werden.
 

Das Mosaik und die Bleiverglasung im Nordflügel des Torbogenhauses

Das Torbogenhaus wurde 1916 – 1918 von P. Mebes und P. Emmerich als Verwaltungs- und Laboratoriumsgebäude für die Hirsch, Kupfer - und Messingwerke A.-G. erbaut. Wegen des Baus des neuen Verwaltungsgebäudes auf dem Neuwerk, wurden die ursprünglichen Büroräume 1923 durch K. Wolff zu Wohnungen umgebaut.
Aus dieser Zeit der Errichtung ist im gesamten Eingangsbereich ein farbenfrohes Mosaik erhalten. Dieses erstreckt sich über die gesamte lichte Höhe und zeigt Darstellungen von Tieren und floralen Ornamenten. Im Treppenhaus ist auch ein 12 m hohes dreibahniges Fenster mit ornamentaler Farbverglasung auf weißem Grund zu bewundern.
Sowohl das Mosaik als auch die Bleiverglasung wurden von Cesar Klein (1876 – 1958) entworfen und die Arbeiten von der Firma Puhl und Wagner/Gottfried Heinersdorff, Berlin ausgeführt.

Das Mosaik:

Zwei farbenfrohe Bilder mit Darstellungen der Flora und Fauna Israels zieren die beiden Wände des Eingangsbereiches. Zwischen den beiden Bildern an der rechten Wand schmückt ein junger agiler Hirsch eine nach innen gewölbte Vertiefung. Es ist nicht bekannt, ob dieser den jungen Siegmund Hirsch darstellt, der schon 31 jährig Direktor des Messingwerkes wurde.
Das rund dargestellte Deckenmosaik mündet mittig in die Blüte des Granatapfels.

Das Treppenhausfenster:

Neujahr – Der Schofar
In den Ornamenten des Treppenhauses ist an fünf verschiedenen Stellen das „Schofar“ dargestellt. Das oberste Paar läuft zusammen in den Schädel des Widders.
Das Schofar ist ein ausgehöhltes Widderhorn, dass wie eine Posaune geblasen wird.
Das Instrument ist alt und schon aus der Geschichte durch zahlreiche Ereignisse bekannt. Mit dem Schofar oder der silbernen Trompete wurden Volksversammlungen einberufen. Ebenso gab man mit dem Schofar Marschsignale in der Wüste. Nahte ein Feind oder ein Unglück, schlug er Alarm. ( 4. Mose 10,1-10; Joel 2,15; Amos 3,6 und zahlreiche anderer Stellen)
Es erklang bei der Offenbarung am Sinai (2.Mose 19,19), es verkündete den Sklaven das Jobel- oder Erlassjahr (3. Mose 25,10). Das Jahr, in dem sie ihre Freiheit erhielten. Und Jesaia 17,13 spricht von der großen Posaune, deren blasen durch alle euer Land, am zehnten Tage des siebenten Monats, eben am Tage der Versöhnung. Das jüdische Neujahr ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Zeitpunkt der Abrechnung.
Der Schofar verkörpert alle diese Gedanken und Erinnerungen. Das Instrument und seine Klänge sind somit ein inhaltsschweres Symbol.

Anmerkung des Verfassers: Siegmund Hirsch heiratet 1914 die Tischlertochter Luise Bux aus Werbellin. Sie war keine Jüdin. Auch die zweite Frau, Ilse Harting ist keine Jüdin gewesen. Als Siegmund Hirsch 1981 kinderlos 96 jährig in Luzern stirbt, kommt es zu einer Urnenbeisetzung. Das orthodoxe Judentum lehnt eine Leichenverbrennung ab.

De Vries, Jüdische Riten und Symbole S.330.

Das jüdische Empfinden, in der Schulung des Judentums Jahrhunderte lang geformt und gebildet, wehrt sich gegen die Leichenverbrennung. Und es wird sich auch in Zukunft dagegen wehren. Wer möchte, dass das historische Judentum der Thora im Geist der Väter fortlebt, wird die Einäscherung in keiner weise befürworten können noch dürfen.

Mein Dank gilt Frau Jutta Dick, Halberstadt, Katharina Hoba, Berlin, Heda Shadmon, Kibbutz Kabri, Israel und Dr. Mario Offenberg, Berlin, die mir beim Erkennen der Symbole geholfen haben.

Literatur:

Hensel R.: „Messingwerk in den Jahren 1880 – 1900“, 1929. Sternberg, E.: „Großmutters

Memoiren“, 1975. Calvary, G.: „Über Messingwerk“, 1989. Flügge, M.: Glasmalerei in Brandenburg. TU Berlin.: Messingwerk, Eine historische Industrieansiedlung, S 221. 1996.            De Vries.: „Jüdische Riten und Symbole“, 1994, S. 13, 54, 82, 105. ISBN 3-921695-58-9.


 

Zionisten und Chaluzim in Messingwerk  (erschienen im Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte 2011)

Was ist Zionismus?

Der Zionismus ist eine moderne jüdische Nationalbewegung, die zum Ende des 19. Jahrhunderts in Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus in Ost- und Mitteleuropa aufkam. Zion ist eine alte Bezeichnung für Jerusalem. Auf Initiative Theodor Herzls (1860-1904) etablierte sich der Zionismus im Jahr 1897 in Basel als politische Bewegung und verabschiedete ihr Grundsatzprogramm zur Unterstützung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte in Palästina.

Was haben Zionismus und Hachschara aber mit Messingwerk, dem Industriebetrieb am Finowkanal zu tun?

Wie wir wissen, war der Fabrikant Gustav Hirsch (1822-1898) jüdisch – orthodox. Ihm war es wichtig, an seinem Heimatort ein frommes Leben zu praktizieren und er brachte zehn gläubige Männer mit ihren Familien nach Messingwerk. Um einen jüdischen Gottesdienst feiern zu können, müssen nämlich mindestens zehn jüdische Männer anwesend sein. Im ersten Stock des Alten Hüttenamtes in dem auch die orthodoxen Familien Calvary, Rosenblüth, Fränkel, Rosenfeld und Danziger wohnten, ließ Gustav Hirsch eine Haussynagoge einrichten. Die meisten Söhne der frommen Familien gehörten jedoch zu einer neuen Generation. Als Studenten schlossen sie sich wie Moses Calvary (1876-1944) dem deutschen Jugendbund der „Wandervögel“ an oder wurden Mitglied im jüdisch-zionistischen Jugendbund „Blau-Weiß“. Martin (1886-1963) und sein Bruder Felix Rosenblüth (1887-1971) sowie auch Moses Calvary wurden zu überzeugten Zionisten und gründeten den „Messingwerk-Kreis“.
 
Moses Calvary, knappe 10 Jahre älter als die Blumenfeld-Generation, gehörte dem gleichen kulturellen und familiären Umfeld an wie die Hirschs und Rosenblüths: Ebenfalls aus streng religiösem Hause, lebten die Calvarys mit ihren drei Söhnen und zwei Töchtern als Freunde und Nachbarn der Rosenblüths in Messingwerk. Die Wohnsituation sowie die nachbarschaftliche Nähe schilderte Elsa Sternberg, die Jüngste der sieben Rosenblüths - Geschwister, ausführlich in „Großmutters Memoiren“.
 
Moses Calvary besaß großes pädagogisches Geschick. Während seines Studiums verbrachte er manches Wochenende in Messingwerk, wo er bei den Jüngeren bald zu einem gesuchten Gesprächspartner wurde und die Rolle eines Vertrauten einnahm. Neben seiner Rolle als älterer Vertrauter und Ratgeber im quasi familiären Kreis in Messingwerk, die er auch behielt, als die Rosenblüth-Brüder ihrerseits Studenten waren und Studienfreunde nach Messingwerk als Gäste mitbrachten, wirkte Calvary über seine Aufgaben als Lehrer hinaus sein Leben lang erfolgreich als Reformpädagoge. Dazu zählen auch seine Erfahrungen im deutschen Wandervogel, die er vor seinem Engagement in der zionistischen Jugendbewegung gemacht hatte. Dieser Messingwerk-Kreis, als dessen harter Kern Felix und Martin Rosenblüth, Kurt Blumenfeld, Richard Lichtheim, Erich Cohn und Felix Danziger zu nennen sind und zu dem neben Moses Calvary auch noch eine Reihe anderer wie Aron und Lazarus Bath hinzustießen, kann wohl als Mittelpunkt der umtriebigen jung – jüdischen Avantgarde bezeichnet werden. Sicher ist, dass dieser Zirkel zionistischer Feuerköpfe auf Calvarys pädagogische Ideen sowie seine Erfahrungen als Wandervogelführer zurückgriff, als es darum ging, die erfolgversprechendste Form für eine jung-jüdische Nachwuchsorganisation zu finden.²

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte allen Bemühungen, das gelobte Land für die Juden der Welt zurück zu erobern,  ein jähes Ende. Felix, Joseph, Leo und Max Rosenblüth, sowie deren Schwager Felix Danziger zogen als Soldaten in den Krieg. Max ist 1916 gefallen. Alle anderen kehrten Heim, Felix sogar als Offizier. Bereits 1911 zog die Fam. Rosenblüth nach Berlin um.

Unterdessen Lief in Messingwerk die Rüstung auf vollen Touren. Das Neuwerk, als Kriegswichtig eingestuft, wurde gebaut. 1917 wurden die Lebensmittel nicht nur bei den Einheimischen knapp. Man hatte auch 1000 Fremd und Zwangsarbeiter zu versorgen.

Kurzerhand kaufte Siegmund Hirsch 108 Milchkühe in Lichterfelde. Landkäufe bis zum Oder-Havel-Kanal wurden getätigt. Die Messingwerker Landwirtschaft wurde aus der Taufe gehoben. Es wurden 1400 Morgen Ackerland bewirtschaftet. In der Folge wurde auch noch eine Gärtnerei und eine Hühnerfarm betrieben. (Die Gärtnerei ist heute in Familienbesitz, während von der Landwirtschaft nur noch die Felder bestellt werden). So konnten zum Ende des Ersten Weltkrieges 3.000 Arbeiter mit landwirtschaftlichen Produkten aus eigener Produktion, versorgt werden. Durch die Überproduktion landwirtschaftlicher Produkte wurden fahrbare Verkaufsläden für den Berliner Markt angeschafft. Siegmund Hirsch selbst fuhr damit nach Berlin und verkaufte Lebensmittel. ³Anfang 1932 wurde mit der Schweizer Firma Migros und der Finow - Farm die Migros - Verteilungs - GmbH mit Sitz in Berlin Reinickendorf gegründet. Bereits im Juni 1932  waren auf dem Berliner Markt 85 Verkaufswagen mit 220 Angestellten im Einsatz. Anlässlich des Judenboykotts im März 1933 wurde die Migros - Verteilungs - GmbH als ausländische Judenfirma angeprangert. Obwohl der Judenboykott wieder aufgehoben wurde, richtete sich nun der Boykott gegen die Schweizer Herkunft und das Auslandskapital. Gegenwind kam auch vom Deutschen Einzelhandel und es kamen auch Angriffe aus Teilen der Bevölkerung. Die Umsätze gingen zurück und so wurde beschlossen, sich vom deutschen Markt zurückzuziehen. Ende 1933 wurde die Berliner - Migros – Gesellschaft liquidiert.

Siegmund Hirsch engagierte Salomon Dyk (1882-1944) für die Leitung des Landwirtschaftsbetriebes der „Hirsch, Kupfer-und Messingwerke AG“ und etablierte in Deutschland eine der ersten Hachschara - Ausbildungsstätten für die Ausbildung von Chaluzim. Salomon Dyk hatte in den Jahren zwischen 1910 bis 1914 gemeinsam mit Franz Oppenheimer (1864-1943) die genossenschaftliche Siedlung Merchavia in Palästina betrieben, Palästina jedoch nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wieder verlassen. Messingwerk spielte für die zionistische Bewegung eine wichtige Rolle und Salomon Dyk konnte den Jugendlichen wichtige Grundlagen für das Leben in Palästina vermitteln. Von 1917 bis 1924/25 wurden in dem Landwirtschaftsbetrieb achtzehn jüdische Jugendliche – sowohl Jungen als auch Mädchen, die größtenteils aus osteuropäischen Ländern stammten – zu Landwirten und Gärtnern ausgebildet. Einer Statistik aus dem Jahre 1920 ist zu entnehmen, dass sich 24 Praktikanten und 7 Praktikantinnen in Messingwerk zur Ausbildung befanden. Der Wirtschaftsbetrieb umfasste alle Zweige der Landwirtschaft, wie Garten- und Ackerbau sowie Kleintier- und Viehzucht.
 
Die Gärtnerei wurde von Salomon Weinberg (1889-?) geführt. Beide, Dyk und Weinberg, wohnten mit ihren Familien in dem Haus Am Kanal 1.


Zwischenzeitlich gingen Felix und Martin Rosenblüth in Europa für die Zionistische Bewegung, die Büros in London und Kopenhagen unterhielten, auf Werbetour. Sie standen im regen Schriftwechsel mit Siegmund Hirsch, um sich über Probleme der Hachschara in Messingwerk zu informieren. Die Chaluzim waren im Alten Hüttenamt untergebracht. Während der großen Baumaßnahmen zwischen 1916 und 1918 wurden im Erdgeschoss, rechts von der Haustür Einzelzimmer eingerichtet, die bis zur Rekonstruktion des Hauses im Jahre 2007 erhalten waren. Im gegenüberliegenden Magazin, welches mit dem Giebel an der Straße grenzte, waren Arbeitskleidung, Bettzeug usw. untergebracht. Da die Chaluzim auch an der Waffe ausgebildet wurden, legte man einen Schießstand an. Dieser befand sich hinter dem mittleren Fußballplatz in Richtung Durchstich. Während der Nazizeit wurde der Schießstand vom Kriegerverein Kyffhäuser genutzt. Den Schießstand hat sich heute die Natur zurück geholt.
 
Während der Gärtnereibetrieb mit den jungen Leuten aus Osteuropa reibungslos verlief, traten in der Landwirtschaft enorme Probleme auf. Die jungen Leute beider Geschlechter, waren in ihrem Tatendrang auch in der Freizeit nicht zu bändigen und man überlegte ob es Sinn macht, einen weiteren Lehrgang durchzuführen. (Siehe Schriftverkehr). Das deckt sich auch mit der Aussage des Zeitzeugen Fritz Müller (1925-2007), der es auf eine einfache Formel brachte „dass hier frohes Jugendleben stattfand.“

In den Archiven Israels finden sich immer wieder Unterlagen in Bezug auf Messingwerk. Unter anderem schrieb Martin Gerson (1902-1944) in seinem Lebenslauf, der im Archiv des Kibbuz Hasorea aufbewahrt wird, dass er nach seiner Ausbildung zum Gärtner und einem Studium zum Gartenbauagronom in der Gärtnerei der landwirtschaftlichen Abteilung der Hirsch, Kupfer- und Messingwerke A.G. tätig war. Im Anschluss an diese Tätigkeit nahm er 1924 eine Stellung als Beamter auf dem von Franz Oppenheimer geleiteten Siedlungsgut Bärenklau an.

Das Ziel der Messingwerker Zionisten hieß Palästina!

Moses Calvary, Sohn des Kaufmanns Gotthard Calvary und seiner Ehefrau Esther geb. Hildesheimer, wurde am 01.02.1876 in Messingwerk bei Eberswalde geboren. Zur Schule ging er in Eberswalde und Halberstadt. Ein Jahr lang war er Schüler seines Großvaters, des Rabbiners Dr. Jsrael Hildesheimer am Rabbinerseminar in Berlin. An der Universität in Berlin studierte er klassische Philologie, mit Schwerpunkten in Latein und Griechisch. Er gehörte dem bekannten Messingwerk Kreis an und war ein Gründungsmitglied der zionistischen Jugendbewegung „Blau-Weiß“. 1907/08 geht er als Assessor nach Crossen, wo er schon bald eine feste Anstellung als Oberlehrer erhält. Im Sommerhalbjahr 1914 lässt er sich zu einer Studienreise nach Palästina beurlauben. 1919 verließ Calvary Crossen zusammen mit seiner Frau Ester-Hadassa geb. Perlmann und seinem Sohn Gideon und arbeitet als Pädagoge und Schriftsteller am hebräischen Gymnasium Ponercz (Litauen). 1922 wanderte die Familie Calvary nach Palästina aus. Er hat dort das Erziehungswesen als „israelischer Pestalozzi“ wesentlich beeinflusst.
 
Gut zwei Jahrzehnte wirkte Moses Calvary unter britischem Regime im Heiligen Land. Er stirbt am 22. Januar 1944 in Haifa, erlebte also die Gründung des Staates Israel nicht mehr.
 
Auch sein Sohn Gideon wird Oberlehrer und lebte bis zu seinem Tode im Mai 2004 im Kibbuz Hagoshrim im Obergalilea.

Felix Rosenblüth, Sohn des Prokuristen Samuel Rosenblüth und seiner Frau Fanny geb. Pulvermacher wird am 01.05.1887, wegen einer in Messingwerk ausgebrochenen Difterie, in Berlin geboren. Nach dem Schulbesuch am Eberswalder Lyzeum studierte F. Rosenblüth Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg und Berlin,1908 schließt er sein Studium mit der Zulassung zum Rechtsanwalt ab und promoviert zwei Jahre später zu dem Thema „Zur Begriffsbestimmung von Volk und Nation“. Im Ersten Weltkrieg wird F. Rosenblüth zum  Offizier ernannt und mit zwei Eisernen Kreuzen geehrt. Im Alter von 32 Jahren heiratete er seine Freundin Anni geborene ?, mit der er zwei Kinder (Hans  und Dina) zeugte. Weil Anni sich mit  der Idee nach Palästina auszuwandern, nicht anfreunden konnte, siedelte sie nach London über. 1923 ging F. Rosenblüth nach Palästina, wo er zunächst bei seiner Schwester Mali Danziger lebte, deren Mann Dr. Felix Danziger in Jerusalem ein Privates Krankenhaus betrieb.  Später folgte er seiner Frau nach London und arbeitete mit Chajim Weizmann (1874-1952) für die Zionistische Exekutive. Mit der Absetzung Weizmanns als Präsident der Zionistischen Bewegung im Jahr 1931 kehrte F. Rosenblüth ohne seine Familie zum Jurastudium nach Palästina zurück und legte die juristische Examina der Mandatsregierung ab. Die Ehe wurde geschieden und nach dem Tode von Moses Calvary 1944 heiratete Felix Rosenblüth dessen Witwe Ester-Hassadah, die er noch aus seiner Jugendzeit in Messingwerk kannte.
Felix Rosenblüth gehörte in Palästina zu den Mitbegründern des landsmannschaftlichen „Verbandes der Einwanderer aus Deutschland“  (IOME). Als Justizminister des ersten Kabinetts des neu gegründeten Staates Israel legte er seinen deutschen Namen ab und nannte sich von fortan Pinchas Rosen. Er war von 1948-1961 Mitglied der Knesset, des israelischen Parlaments. Er starb am 3. Mai 1978 in Israel. Felix Rosenblüth gehörte zu den Gründungsvätern des Staates Israel.
Nick Ross, ein in London lebender Enkelsohn von Felix Rosenblüth war mit seiner Frau und Ihren beiden Söhnen im Jahr 2009 zu Besuch in Messingwerk. Sie orientierten sich nach der Schrift „Großmutters Memoiren“ von Elsa Sternberg geb. Rosenblüth.


Dr. Martin Rosenblüth, geb. am 1. Februar 1886 in Messingwerk war der älteste der sieben Rosenblüth Geschwister. 1918 Heirat mit Marie Zellermeyer aus Kopenhagen Er studierte in Hamburg, München, Berlin und Marburg. 1909 promoviert erreicht er 1910 das Staatsexamen. Als Verbandsfunktionär der zionistischen Bewegung ist Martin Rosenblüth von 1910-1915 in Köln, 1915-1920 in Kopenhagen und von 1921-1923 in Wien tätig gewesen. Er erreichte den Status eines Ministerialbeamten. Emigration zunächst nach London und lebte später als Gesandter des israelischen Finanzministeriums in den USA. Am 7. Juli 1963 starb Martin Rosenblüth in Tel Aviv.


Leo Rosenblüth, geboren 1893 als fünftes Kind der Rosenblüths in Messingwerk. Er war führendes Mitglied des K.J.V. Nach seinem Medizinstudium wanderte er 1923 nach Atlit, Palästina aus, um dort zu praktizieren. Als er den sehr primitiven Stand der Medizin in Palästina gesehen hatte, hat er seine Schwester Malli, geb. am 24. Juni 1889 in Messingwerk, mit ihrem Mann dem Arzt Felix Danziger (1877-1948) zu sich gerufen. Malli und Lix (Felix) Danziger verließen Deutschland mit Ihren Söhnen Izack und Mopi und zogen 1923 nach Jerusalem. Dort gründeten sie mit dem orthopädischen Chirurgen Dr. Sachs das erste private Krankenhaus mit Röntgeneinrichtung, dass „Danziger Spital“. Ein weiteres Krankenhaus wurde 1932 in Tel Aviv gegründet.1924 fuhren Vater und Mutter Rosenblüth nach Palästina um die Kinder zu besuchen. Diese Reise war wahrscheinlich das wichtigste Ereignis im Leben der Eltern, welche 1884 geheiratet hatten. Samuel Rosenblüth, der ja von den zionistischen Umtrieben der Kinder sehr zurückhaltend reagierte, wurde im Alter von 70 Jahren selbst zum Zionisten. Aus gesundheitlichen Gründen war es ihm nicht vergönnt gewesen auszuwandern. Er starb am 4. Mai 1925 in Berlin. Fanny Rosenblüth verkaufte das Haus in der Kloppstockstraße und nahm eine kleine moderne Wohnung zur Miete. Da schon drei Ihrer Kinder in Palästina lebten, pendelte Sie zwischen Berlin und Palästina. Ihren 70. Geburtstage feierte Sie noch in Berlin, bis sie sich 1932 endgültig entschloss ihr zu Hause in Palästina zu gründen.
Dr. Leo Rosenblüth praktizierte als Kinderarzt in Tel Aviv. Als die Gesandte der Israelischen Botschaft Berlin, Frau Dvora Ben - David in Begleitung der Assistentin Katharina Hoba zur Einweihung des Museums „Messingwerk: Ein Dokument der Arbeit“ im Jahr 2009 kam, sagte Sie: Dr. Leo Rosenblüth, dass war mein Kinderarzt in Tel Aviv. 1966 stirbt  Leo Rosenblüth in Tel Aviv.


Elsa Sternberg geb. Rosenblüth ist als siebentes Kind der Rosenblüths am 16. März 1899 in Messingwerk geboren. Ihre Kindheitserinnerungen hatte sie natürlich in Messingwerk gesammelt, verbrachte dann aber mit dem Umzug der Eltern ihre Jugendzeit in Berlin. Angesteckt von den zionistischen Ideen Ihrer Brüder, engagierte sie sich auch in der Bewegung. Zwar sollte Sie einen kaufmännischen Beruf erlernen, setzte aber ihren Kopf durch und wurde Kindergärtnerin. Im Herbst 1919 kam endlich Leo aus französischer Gefangenschaft. Auf der Wiedersehensparty lernte Elsa, Hermann Sternberg kennen. Die Verlobung ließ nicht lange auf sich warten und am 16. August 1921 heirateten  Elsa und Hermann. Die vier Kinder der Sternbergs erblickten in Berlin das Licht der Welt. Wegen der politischen Verhältnisse in Deutschland emigrierte die Familie Sternberg 1933 nach Palästina und erfüllte sich damit einen alten Traum. Wiedererwarten taten sich die Sternbergs mit dem Einleben im gelobten Land schwer. Auch musste Hermann wegen offener Geschäftsangelegenheiten noch einmal zurück nach Deutschland.  Erst nachdem Hermann sich in der Textilbranche für den Nahen Osten etablierte, gelang auch die Eingliederung mit der Familie. Als Wirtschaftsexperte wurde Hermann Sternberg 1950 zu den Verhandlungen über Reparationszahlungen nach Deutschland delegiert. Die Familie Sternberg ging für vier Jahre nach Köln.
Elsa bleibt bis ins hohe Alteraktiv als Schriftstellerin und studierte noch Chirologie. Im Mittelpunkt stand aber zu allen Zeiten das Familienleben. Ihren Lebensabend, umhütet von ihrem Sohn Michael (Kinderarzt), verbrachte Sie in einem Elternheim bei Tel Aviv, in dem Sie im Dezember 2004 mit fast 106 Jahren starb.


Victor Bach, geb. am 18. Dezember1894 in Halberstadt, verheiratet mit Erna Benscher, zwei Kinder Ruth und Gabriel Bach. Beide leben in Jerusalem.

Seit 1906 im Unternehmen Hirsch in Halberstadt tätig, wurde V. Bach 1924 Prokurist in der HKM AG und war für das Kupferwerk in Ilsenburg zuständig. 1927 zog die Fam. Bach mit der Verlagerung der Verwaltung des Hirsch-Konzerns nach Berlin um. Nach der Pleite und der Zerschlagung des Hirsch-Konzern stieg Victor Bach am 15. Juni 1932 in den Vorstand der neugegründeten Hirsch, Kupfer- und Messingwerke AG mit Sitz in Finow/Mark auf. 1933 wurde V. Bach zum Vorstandsvorsitzenden gewählt. 3 mal wöchentlich nahm er die Geschäfte im Verwaltungsgebäude des Neuwerkes in dem Finower Werk war.
Ehrenamtlich in Berlin war Victor Bach und seine Frau für den jüdischen Nationalfond Keren Hajesod in der Meineke Str. 10 (Meineckestraße 13 ?) tätig gewesen. Laut Aussage seines Sohnes Gabriel galt V. Bach in den 30er Jahren als einer der führenden Zionisten Deutschlands. Zwei Wochen vor der Pogromnacht 1938 flüchtete die Familie nach Holland. Vier Wochen vor der deutschen Invasion flüchteten sie nach Palästina. Dort spielte Victor Bach nach der Gründung des Staates Israel eine wichtige Rolle beim Aufbau der Wirtschaft.. Victor Bach starb 92jährig in Israel. Unterdessen studierte sein Sohn Gabriel in London Jura. Er wurde Staatsanwalt und Richter in Israel. Als stellvertretender Generalstaatsanwalt wurde G. Bach 1961 vom damaligen Justizminister Pinchas Rosen (Felix Rosenblüth) zum Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann berufen. Heute, im Jahr 2011 liegt der Prozess 50 Jahre zurück, welcher mit dem Todesurteil gegen A. Eichmann endete. Aus diesem Anlass wird Gabriel Bach in Deutschland, Ungarn und den USA über diesen Prozess sprechen. Gabriel Bach ist Träger des deutschen Bundesverdienstkreuzes.


Mein Dank gilt Katharina Hoba, die ihr Wissen und Ihre Erfahrungen beim entstehen dieser Arbeit mit einbrachte.

Text von Arnold Kuchenbecker, Eberswalde



Quellen:

Kreisarchiv Barnim: Liste über An- und Abmeldungen ausländischer Arbeiter 1922 Blatt 3

Liste I A Landwirtschaft Blatt 2, B Industrie Blatt 1

„Über Messingwerk“ von Gideon Calvary

Interview mit Gabriel Bach, Jerusalem

„Revolution im Messing“ von Siegmund Hirsch

Elsa Sternburg:Die Memoiren der Großmutter“

Ruth Bondy: Der Dornenweg deutscher Zionisten in die Politik: Felix Rosenblüth in Tel Aviv, S. 297

Michaeli, Ilana/Klönne, Irmgard: Gut Winkel – die schützende Insel. Hachschara 1933-1941. Unter Mitarbeit von Ilka von Cossart, Katharina Hoba und Ulrike Pilarczyk. Münster [u.a.]: 2007

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² Hackeschmidt, Jörg: Von Kurt Blumenfeld zu Norbert Elias. Die Erfindung einer jüdischen Nation.
Hamburg: 1997. Seite 40/41

³ Auszug aus der „Neuen Zuercher Zeitung“ vom 21. Dezember 1933. GDI Gottlieb Duttweiler Institut, Rüschlikon/Zürich